Durch Film und Fernsehen erreicht New York wohl bei jedem, der noch nicht hier war, einen immensen Coolness-Status. Vielleicht schafft es NYC diesem Ruf sofort gerechet zu werden, wenn man mit viel Erspartem anreist und nur machen kann, worauf man Lust hat. Ansonsten reicht nur: Zeit. Denn in eine andere Stadt ziehen ist anders, als dort nur seinen Urlaub zu verbringen, das habe ich bereits in Australien festgestellt.
Man kommt ersteinmal an, hat sich nicht jahrelang darauf gefreut, sondern ist noch ganz überrascht davon, dass es irgendwie geklappt hat. Zu Anfang ist alles recht "normal", Essen, Straßen, Autos, und gleichzeitig ist einfach alles extrem neu und anders. Man weiß noch nicht recht, wie man das findet und kommt sich bei manchen Fragen vor wie ein Kleinkind - Wo ist der nächste Supermarkt? Ist das tatsächlich der günstigte in der Gegend? Wie funktioniert dieser Herd? Was, das esst ihr wirklich? Und, um mal ganz ehrlich zu sein - Wieso New York gibt es hier nirgends Klobürsten?! :D
Während man selbst also noch irgendwo zwischen Desorientierung und Ankommen ist und Stück für Stück entdeckt, wie alles funktioniert, prallt diese Realität gleichzeitig auf die eigenen bewussten oder unbewussten Erwartungen und das Ganze "Oh mein Gott, du bist in XY?! Wie coool!!!", "UUUUnd, wie ist es??!", "Wow, das ist ja sicher totaaaal super??!". Und man ist noch so zögerlich "Öh, joaa?". Mit Fragezeichen dahinter, wohlgemerkt.
Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber das war bisher immer (=zweimal) mein Ankommen in einer Stadt. Und mit ankommen meine ich in diesem Fall, das deuten die Beispiele an, nicht nur:
- Physisch ankommen - "Ich bin gelandet!"
- Rechtlich ankommen - "Mein Pass wurde gestempelt!"
- in der Unterkunft ankommen - "Ich bin in meinem neuen Zuhause!"
Vor allem aber habe ich gelernt, nicht nur meine ersten Lieblingssehenswürdigkeiten (Times Square, Brooklyn Bridge) zu schätzen, sondern auch vollkommen unterbewertete Orte (Saint Marks, Williamsburg Bridge) für mich entdeckt - und Kleinigkeiten, die mir im New Yorker Alltag begegnen:
ICH LIEBE die rollenden Leitern an den Bücherregalen von Barnes & Nobels am Union Square. Ich stelle mir gern vor, wie man damit an endlosen Bücherreichen entlangzischt. Außerdem erinnert es irgendwie an Harry Potter und das ist immer gut.
ICH MAG DAS RATTERN DER UBAHN, das durch die Schächte nach oben auf die Straße geweht wird. Ich stelle mich gern über die Gitter, die die Schächte bedecken, wenn eine UBahn durchfährt. ICH MAG ES, wie der Fahrtwind dann meinen Schal und den Mantel tanzen lässt.
ICH ÜBERQUERE DEN UNION SQUARE GERNE SO, dass ich auf jeden Fall am McDonalds entlang laufe. Ich mag es, Robert zu grüßen. Das ist ein Obdachloser, der den Kunden dort die Tür öffnet. Wir grinsen uns schon auf ein paar Meter Entfernung an und unterhalten uns dann immer kurz. Ich mag das.
ICH MAG DAS HUPEN DER TAXIS, wenn sie auf eine Kreuzung zurasen. Es hat sowas New Yorkerisches - Fußgänger laufen wann immer sie wollen, die Autos hupen zur Sicherheit, wenn sie von weiterweg angerast kommen.
ICH MAG ES, mich jedes Wochenende für eine andere ungewöhnliche Mahlzeit anzustellen, immer gespannt, ob die Erwartungen erfüllt werden.
ICH MAG ES, wenn Leute mit Kameras vor dem Flatiron stehen und Fotos machen. Und ich mag es, den Platz vor dem Gebäude an jedem Feierabend anders zu überqueren. Ich mag sogar das große Werbebanner auf einem der Dächer weiter hinten, das immerzu das iPhone 7 bewirbt und bisher erst einmal das Motiv geändert hat. Es gehört für mich irgendwie zum alltäglichen Blick auf das Gebäude.
ICH MAG ES, auf meinem morgendlichen Weg zur Arbeit große Trucks von Produktionsfirmen in den Straßen zu sehen. Ich versuche dann, so schnell wie möglich rauszufinden, worum es geht. Denn ich mag es, abends beim Set zu stehen und die Film-Atmosphäre zu genießen, bis ich mir vollkommen erfroren bin.
ICH MAG ES, abends durch die Straßen zu laufen, und zwischen den Fußgängern, Autofahrern und Bussen jemanden zu entdecken, der seinen Foodcart durch die Straßen nach Hause zieht.
ICH MAG ES, mit der UBahn zu fahren. Ich mag die englischen Durchsagen, das Großstadtfeeling und das Rattern des Zugs. Und mit der Metrocard komme ich mir vor, wie mit dem goldenen Ticket aus "Charlie und die Schokoladenfabrik".
Es hat ein wenig gedauert, aber ich mag New York. Ich mag New York, mit all den wunderbaren Kleinigkeiten und komischen Eigenheiten, die ich Tag für Tag entdecke. Ich mag es hier zu sein, in einer Stadt, die mich immer wieder staunen lässt und über diese Chance, die so viel schneller kam, als erwartet. Aber dazu musste ich erst ankommen. *
Und das liegt auch daran, dass man ein Land durch das dort wohnen anders kennenlernt, besser, als durch einen einfachen Urlaub. Man hat mehr Zeit, man lebt sich ein, macht so viel mehr Erfahrungen, dass man am Ende ein vielschichtigeres und tiefergehenderes Bild von der Stadt.) Auch wenn ich die Frage nach den Klobürsten noch immer nicht beantworten kann. Ich bleib dran.
*Spoiler: Das Ende der Fahnenstange ist hiermit übrigens noch nicht erreicht. Meine Begeisterung für New York nahm hiermit ihren Anfang, ließ sich aber noch deutlich steigern. Stay tuned.

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